Michael Storminger führte in Berchtoldsdorf Regie bei „Moliere“.

Das ‘Molière’-Ensemble: Glatzner, Brouwer, Friesz, Fellmer © APA/Ingo Pertramer

So gemütlich hat sich Michael Storminger zum Sommerstart schon lange nicht mehr gefühlt. Da der Jedermann-Film dieses Jahr in Salzburg unverändert bleibt, „kann ich das Tempo ändern“, erklärt der Regisseur. Das heißt für ihn: In Ruhe eine neue Produktion bei den Berchtoldsdorfer Sommerspielen proben, deren künstlerischer Leiter er seit 2014 ist. Am 30. Juni feierte hier Michail Bulgakows Tragikomödie „Moliere oder die Aura der Heuchler“ Premiere.

Dieses selten gesehene Stück wurde erstmals 1936 in Moskau ausgestellt und wurde dort unter dem Titel The League of Heuchler bekannt. Sturminger wurde neu übersetzt und der neue, authentischere Titel wird bevorzugt. „Ich arbeite seit Jahren an dem Stück und erst im Nachhinein wurde mir klar, dass dieses Jahr Molieres 400. Geburtstag war. Natürlich hatten wir absolut keine Ahnung, dass der Ukrainekrieg die Dinge auf seltsame Weise substanzieller machen würde. Aber es muss nicht neu sein, denn die Beziehung zwischen Kunst und Macht ist ein faszinierendes und zeitloses Thema.“ Ein Thema, das von seiner langjährigen, nahezu universellen Beschäftigung mit der Oper Ariadne auf Naxos bis zu seinem Fernsehfilm Die Unschuldsvermutung mit Ulrich Tukur in einer Hauptrolle als überbewerteter Star-Leader während seiner künstlerischen Laufbahn reicht.

Molière hat eigentlich zwei Ebenen, auf denen sich die Künstler und die Mächtigen gegenüberstehen. Das Stück kreist um Molières Tartuffe, die Machenschaften der Kirche gegen den Autor und die als blasphemisch bezeichnete Aufführung des Werks sowie die Haltung König Ludwigs XIV. gegenüber dem Mann des Theaters. Andererseits hatte der in Kiew geborene Michail Bulgakow (1891-1940) große Schwierigkeiten mit Stalin und der sowjetischen Führung, die die subtilen Ähnlichkeiten des Stücks zu Recht vermutet haben dürfte – nicht nur in der Rolle des Erzbischofs, die an ihn erinnert der Geheimdienstchef Beria . Nach vier Jahren Diskussionen und Verschiebungen durfte es endlich gespielt werden – und wurde nach sieben ausverkauften Shows wieder abgesagt. „Aber dieses Niveau zeigen wir gar nicht“, sagt der Regisseur im Gespräch mit der APA. „Es ist alles nur Hintergrund. Spielen, das es glätten würde. Ich interessiere mich mehr für das Komplexe, das Unausgesprochene. Es gibt kein reines Schwarz oder reines Weiß auf der Welt – aber es gibt zu viele verdammte Schattierungen dazwischen.“

“Molière” ist ein Stück über Theater und über Ehrlichkeit, wie Sturminger beschreibt – und auch unterhaltsam für ein Publikum, das nicht unbedingt Theaterkenner sind, was für eine Freilichtaufführung in einer Burgkulisse keine Kleinigkeit ist. Zu den kulinarischen Meisterwerken sollen auch einige der eingearbeiteten Originalszenen aus Molieres Stücken beitragen.

Dass alle behandelten Themen in den vergangenen Monaten in Russland und der Ukraine besonders brisant geworden sind, hat der Regisseur vielfach miterlebt. Eine Schauspielerin, mit der er in Berchtoldsdorf arbeitete, packte ihre Kinder in Moskau und floh nach Riga, wo die Wiederaufnahme der Inszenierung von „Don Giovanni“ beim Dmitri Hvorostovsky-Festival in Krasnojarsk sowie die Überwachung des Erwerbs des Bolschoi-Theaters scheiterten. Ich habe enge Kontakte zu vielen russischen Künstlern. Sie weint! “

Er arbeitete auch mit Valery Gergiev am Mariinsky-Theater zusammen und beobachtete seine Aktionen im „System Putin“ aus nächster Nähe. “Niemand, der nicht in der gleichen Situation war, kann davon ausgehen, dass er anderen sagt, wie sie sich verhalten sollen. Wir haben keine Ahnung, wie brutal das ist und wie verängstigt die Menschen sind. Die meisten von ihnen sind nicht für Krieg. Er ist sehr wichtig, nicht das gesamte russische Volk zu dämonisieren.“

Weil er nun nicht mehr die Opernproduktion in Russland leiten wird, hat Sturminger nach „Jedermann“ (Premiere 18. Juli) etwas mehr Luft als sonst. Neben der Vorbereitung zweier Filmprojekte wird der 59-Jährige im Februar im Stadttheater Klagenfurt Bernard Langs Oper „Hiob“ präsentieren, für die er selbst eine Adaption des Romans von Joseph Roth geschrieben hat. Und dann gibt es natürlich noch einige Projekte mit Filmstar John Malkovich, mit dem er seit anderthalb Jahrzehnten eng zusammenarbeitet. „Ich glaube, ich kann sagen: Wir sind Freunde geworden.“

(Interview mit Wolfgang Huber-Lang/APA)

„Moliere or the Aura of the Hypocrites“ von Mikhail Bulgakov, Übersetzung: Julia Buck, Regie: Michael Storminger, Bühnenbild und Kostüme: Marie und Paul Storminger, Musik: Michael Pogo Krainer, mit: Wujo van Breuer, Hana Runge, Veronica Glatzner, Micho Friese, Andreas Patton, Nicholas Barton, Valentin Postelmeier, Birgit Stoger u.a., Burgtheater Berchtoldsdorf, Premiere: 30. Juni, 20 Uhr 17 Vorstellungen bis 30. Juli. Karten: 01/866 83-400, sommerspiele-perchtoldsdorf.at

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