“Moliere” als grandiose Farce in Berchtoldsdorf

Molière und der Sonnenkönig: Wojo van Brouwer und Michou Friesz ©APA/Sophia Wiegele

Mit „Moliere oder die Aura der Heuchler“ nach Mikhail Bulgakov beendete Michael Storminger seine künstlerische Leitung bei den Berchtoldsdorfer Sommerspielen nach neun Jahren. Und in seiner Theateraufführung verlagerte er den Stoff irgendwo ins Niemandsland zwischen Spinnenhumor auf der Bühne von „Nackter Wahnsinn“, Kostümschinken, Theater und Mystery-Theater, wie es am Donnerstagabend uraufgeführt wurde.

Was für zauberhafte, idyllische und zuweilen umwerfende Abende hat das Sturminger Theater seinem Publikum vor Schloss Perchtoldsdorf beschert! Diesmal muss es ein besonderes Ende geben, denn in diesem Stück geht es um den großen Dramatiker Molière, der dieses Jahr seinen 400. Geburtstag feiert, und um die Zeit des Stalinismus in Russland – eine kaum zu übersehende Parallele zu den aktuellen totalitären Entwicklungen. Gewalt, Verleumdung, Fake News und die Rolle der Kirche im Lobbying werden thematisiert, Themen, die keineswegs überholt sind.

Leider ist von diesem mehrdimensionalen Mysterium kaum etwas zu sehen oder zu erfahren. Natürlich gelingen schöne, fotogene und luxuriöse Szenen, die akustisch durch einen musikalischen Gemüsegarten begleitet (die meisten Schauspieler arbeiten auch als Musiker im Ensemble „Jean et les Dubtistes“). Hier ist Sturminger in seinem Element. Hohe Geistliche bekommen ihren gerechten Anteil an Fett, Frauen spielen Männer, und Männer tragen Rüschenröcke (das wissen wir inzwischen nur allzu gut) und Windelhosen. Aber die Dinge wollen nicht wirklich fließen. Auch ganz kleine Schlagzeilen helfen nichts: Als ein wütender Molière (Wojo van Brouwer) seinen Schüler Moyron (Milena Arne Schedle) fallen ließ, weil er ihn mit seiner jungen Frau (Hannah Rang) auf frischer Tat ertappt hatte, ließ Sturminger ihn sagen: „ Ihr werdet auf Jahrmärkten spielen! Sommertheater!“

Sturmingers Kommentar ist nicht böse: In der Einleitung zum Programmheft spricht er von „Happy Summer“ und von seiner „wunderbaren Band“, die ihm eine „beständige künstlerische Heimat“ gegeben habe. Keine Einwände – aber es sieht so aus, als wäre jetzt die Luft raus. Statt eines strengen Knalls ist eine bedeutungslose Mumie zu sehen. Spätestens wenn Moliere auf für alle erstaunliche Weise an seinem Herztod stirbt und dann in einer endlosen Prozession zu Grabe getragen wird, fragt man sich zu späterer Stunde, ob das Gesehene wirklich die Essenz des Inhalts war, oder ob Bulgakow vielleicht noch einmal geschrieben hätte: „Wenn Mein Aufsatz, um auf der Bühne zu erscheinen, bis zum Sinnverlust gelähmt werden muss, dann darf er gar nicht kommen.“

(Service – Sommerspiele Berchtoldsdorf: „Moliere oder die Aura der Heuchler“ nach Michel Bulgaco, Regie: Michael Storminger, Musik: Michael Pogo Krainer, u.a. mit Wujo van Breuer, Hannah Runge, Veronica Glatzner, Micho Friesz. Shows bis 30. Juli, Einführungsspiel vor jeder Vorstellung um 19.15 Uhr Karten und Informationen: Tel. sommerspiele-perchtoldsdorf.at)

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