Wurst Again: Für die Eröffnungsrede beim Bachmann-Preis

jA, geht es wieder um Wurst? Die Diskussion um den „Bratwurststand“ des Deutschen PEN und seine neue Zweigstelle in Berlin fällt nicht schwer, wenn in Klagenfurt folgende Veranstaltung der wiederbelebten Literatur beginnt: Bachmannpresse, In der Tat, mit Lesungen jetzt im Freien! Nach zwei Jahren digitaler Misere werden hier Partymonster erwartet – und dann steht die Eröffnung schon unter dem Fluchen-Bann: „Sausage Partners“. Wie ist das? Nabelschau, die gezielt Österreich oder Kärnten kritisiert, hat beim Bachmann-Preis eine besondere Tradition, man denke an den Siegertext der Kärntnerin Maja Haderlap aus Slowenien oder Watsuada von Josef Winkler, in dem er sich dafür einsetzte, die Urne von Jörg Haider 2015 in eine bewachte Gefängniszelle zu verlegen .

In der diesjährigen Eröffnungsrede trat auch die 1973 in Zagreb geborene Schriftstellerin Anna Bar auf, die hier 2015 selbst las und kürzlich Wensteins Roman „Nil“ veröffentlichte Haider Zu sprechen, vor allem aber mit dem Klagenfurter Kinderarzt Franz Wurst, dessen Abteilung für Heilpädagogik am Kärntner Landeskrankenhaus seit Jahrzehnten eine „Seelentötungsanstalt“ ist. Wir kennen 500 Opfer der Kärntner Jugendhilfe, die zum Teil schwer misshandelt wurden, während Wurst im Amt blieb und von der Politik gedeckt wurde.

„Wahrheit ist Unhöflichkeit“

Als “Wurstpartner” provozierte Barr schließlich ein Publikum, das sich nicht gegen die (Klagenfurter) Realität auflehnte, in der die Straßen immer noch die Namen von Nazi-Verbrechern tragen. Der oft dem Namen des Bachmann-Preises entliehene Satz, der auch als Motto auf Fahnen geschrieben steht – „Wahrheit ist vernünftig für die Menschen“ – sei heute nur noch als Toilette angebracht, sagt Barr, und er „reclaims“ sie angesichts dessen eine Realität, in der die Wahrheit ständig durch Sprache verzerrt wird. Aber warum hat sie dann diesen Satz im Titel ihrer Rede durch einen neuen Satz ersetzt: „Wahrheit ist Unhöflichkeit“?

Trotz der Universalität von Barrs moralischem Anspruch sind die daraus abgeleiteten Standards der Literatur fragwürdig. Sie sollten “den Kindern Geschichten geben, mit denen sie sich hinsetzen können”. Ist das genug? Etwas unmotiviert hat Barr kurzzeitig ein großes rhetorisches Geschütz gegen die marktorientierte “Weißbrotliteratur” gestartet, und ihre Kritik an der Mainstream-Jugendsprache ist etwas vage geblieben. Die letztjährige Klagenfurt-Rede des Kritikers Hubert Winkels galt manchen als zu elitär, am Ende entpuppte sie sich aber als so territorial und erstickend, dass selbst der Griff zur metaphorischen Wurstschachtel nichts daran ändern konnte.

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